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Lotusfeld in Akita

Japonismus

Mit diesem Begriff wird die Japanmode, die Übernahme von japanischen Stilmitteln in der europäischen Kunst vor allem im Zeitraum zwischen dem späten 19. Jahrhundert und dem ersten Weltkrieg bezeichnet. Die folgende Einführung bietet nur einen kurzen Überblick über das Thema.

Japanische Kunst  Im späteren 18. Jahrhundert wurde unter dem Einfluss europäischer Kunst zuweilen die Zentralperspektive verwendet, vereinzelt findet sich auch der illusionistische Einsatz von Schatten (Akita Ranga). Aber die charakteristischen Merkmale der japanischen Kunst sind der Verzicht auf Illusionismus, das Fehlen von Symmetrie, die Flächigkeit der Komposition, die herausragende Bedeutung der Linie, was darauf zurückzuführen ist, dass alles letztlich „Pinselkunst“ ist: Schrift und Malerei.

Neben der später im Westen so hochgeschätzten monochromen Tuschmalerei brachte Japan  auch verschiedene Stile sehr farbenfroher Malerei hervor, oft prunkvoll auf dem Goldgrund von Wandschirmen oder Schiebetüren. Besonders beliebt waren  Sujets aus der Natur im Wechsel der Jahreszeiten. Überall ist der japanischen Sinn  für das Dekorative zu erkennen. Besonders ausgeprägt ist dieser im Kunsthandwerk, sei es in der Lackkunst oder in der Gattung der Schwertstichblätter (tsuba), in denen der Einfallsreichtum und die gestalterische Begabung der Handwerker-Künstler neben der Perfektion in der Ausführung bestechen.

Japan und  Europa im 19. Jahrhundert Nach der vom Westen erzwungenen Öffnung des Landes (ab1853) war es diese besondere Ästhetik in der japanischen Kultur, die in Europa Begeisterung hervorrief. Wachsende Handelsbeziehungen, dazu die Möglichkeit, japanische Kunst und handwerkliche Produkte auf den Weltausstellungen (1862 London, 1867 Paris, 1873 Wien u. a.) zu präsentieren, führten dazu, dass die japanische Kultur einem breiteren westlichen Publikum bekannt wurde. Sogar einen japanischen Innenraum oder einen Garten konnte man betrachten, Teeschalen oder Fächer erstehen. (Die Fächermode klingt in einigen Gemälden der Impressionisten an.) Im Kunsthandwerk des Jugendstils ist der japanische Einfluss in der Gestaltung unverkennbar.

Der japanische Farbholzschnitt Den Hauptanteil am japanischen Einfluss trugen die Farbholzschnitte. Ihre Wirkung auf die europäische Kunst kann gar nicht überschätzt werden. Das lag weniger an den Sujets – obwohl die Darstellung der „vergänglichen Welt“(ukiyo)  in ihren   angenehmen Aspekten mit den Themen der impressionistischen Malerei korrespondierte – als an der völlig anderen Art der Bildschöpfung. Diese hatte nicht  das Abbild der Realität zum Ziel, sondern die Gestaltung eines Sujets, die Komposition. Das erkannten viele Künstler, die sich in einer Krise sahen. Maurice Denis äußerte unter dem Eindruck der japanischen Bilder die Ansicht, dass ein Bild zunächst einmal eine Fläche sei, die nach bestimmten Kriterien mit Farben und Formen versehen werde.

Der in den Augen der westlichen Künstler so freie und unbefangene Umgang der Japaner mit der Bildfläche, die oft teilweise „leer“ blieb, die Darstellung ohne Hintergrundtiefe, die manchmal ungewohnte Perspektive oder sogar die Kombination von Unter-  und Aufsicht in einem Bild, die klaren Farben, die Konturen, die Ornamente, das Dekorative – das alles bot der europäischen Kunst eine neue Orientierung. Viele Künstler sammelten Ukiyo-e (die „Bilder der fließenden Welt“), darunter Monet, Toulouse-Lautrec, van Gogh. Auch Kubin besaß solche Blätter.

Die künstlerische Rezeption im Westen erfolgte auf unterschiedliche Weise. Auf manchen Gemälden sind in einem Interieur japanische Ukiyo-e an der Wand zu sehen (z.B. auf Manets Porträt von Emile Zola), was aber nicht mehr als eine Dokumentation der Japan-Mode ist. Manet hat allerdings auch manche für ihn  wichtige Anregung durch die japanischen Holzschnitte erfahren, Toulouse-Lautrec ebenfalls. – Vincent van Gogh überträgt Bilder von  Hiroshige in Ölgemälde, z.B. dessen berühmte Brücke im Regen. Es ist eine seiner „Japonaiseries“, zu denen neben weiteren ein Hain blühender Pflaumenbäume gehört. Auch mit Hokusai beschäftigt sich van Gogh intensiv. Seinem Bruder Theo schreibt er einmal, dass sein Werk bis zu einem gewissen Grade auf japanischer Kunst basiere.

Zu den Merkmalen japonisierender Bildgestaltung gehört neben den oben genannten der Anschnitt von Dingen, oder auch der Ausschnitt, was in zahllosen Beispielen deutlich wird. Zunächst neu und originell, werden die meisten Elemente des Japonismus mit der Zeit jedoch so selbstverständlich, dass sie kaum als solche erkannt werden.

Wie unterschiedlich die Rezeption des Japanischen ausfallen konnte, zeigt das Beispiel von Gustav Klimt. Ihn reizte vor allem das Ornamentale, wofür die unzähligen Darstellungen von Kurtisanen und anderen weiblichen Figuren mit ihren ebenso unzähligen Varianten von Kimonomustern reichlich Anschauungsmaterial boten. Im Werk von Klimt finden sich allerdings auch andere Spuren seiner Japan-Begeisterung. – Nicht unerwähnt bleiben sollte die Plakatkunst, die sich um 1900 „japonistisch“ gebärdet, nicht nur bei dem berühmten Alfons  Mucha.

Das Thema des Japonismus kann kaum erschöpfend behandelt werden, schon gar nicht an dieser Stelle. Fast in allen europäischen Ländern war er wirksam, und die meisten Künstler kamen irgendwann mit dieser Strömung in Berührung und ließen sich für einzelne Werke oder grundsätzlich inspirieren. Einige sollten nicht unerwähnt bleiben, auch wenn hier nicht auf ihr Werk verwiesen werden konnte: neben Manet Degas, Gauguin, Bonnard, Vuillard, Bracquemond, Vallotton, Beardsley, oder auch Munch.

Insgesamt ist festzustellen, dass mit der Kenntnis und partiellen Übernahme japanischer Gestaltungsmerkmale die Sichtweise in der westlichen Kunst sich veränderte, Fläche, Farbe und Linie isoliert betrachtet werden konnten und ein freies Spiel mit diesen Elementen möglich wurde. – Die eigentliche Zeit des Japonismus in der westlichen Malerei endet nach dem Ersten Weltkrieg. Doch das Interesse an japanischer Kunst ist damit nicht verloren. Auch in der Folgezeit lassen sich westliche Künstler von ihr faszinieren. Im späteren 20. Jahrhundert ist es Horst Janssen, der „in japanischer Manier“ zeichnet und malt. Heute gibt es ebenfalls Künstler, die von irgendeinem Aspekt der japanischen Kunst und Kultur beeindruckt sind und sich mehr oder weniger stark inspirieren lassen. Diese Beobachtung gab den Anstoß dazu, den Spuren nachzugehen und die Ausstellung „Faszination Japan Inspiration“ zu konzipieren.

Passau 2008         Sibylle Rauscher