Mit großer Betroffenheit und in tiefer Trauer nimmt die Deutsch-Japanische Gesellschaft Passau Abschied von ihrem Gründungsmitglied und ihrer langjährigen Vorsitzenden Sibylle Rauscher.
„Japan ist meine zweite Heimat“, pflegte sie gern zu sagen – zu Recht: Sie wurde 1941 in Japan geboren, in Karuizawa. Ihr Vater, ein Germanist aus Bielefeld, war dort seit 1938 als Deutsch-Lektor an einer Höheren Schule tätig. 1947 kehrte die Familie nach Bielefeld zurück, wo sie die Grundschule besuchte. Da ihr Vater 1957 zum Leiter der Deutschen Schule in Tokyo berufen wurde, lebte sie fortan erneut in Japan und machte dort 1961 das Abitur. Es schlossen sich zwei Jahre des Studiums der japanischen Sprache und Kultur an. Ihre exzellente Sprachbeherrschung und ihr tiefes Verständnis für die japanische Kultur wurzeln in dieser intensiven Befassung. Was sie später im Rahmen der DJG formulierte und konzipierte, „stimmte“ nicht nur, sondern war niveau- und anspruchsvoll. Die Zweisprachigkeit öffnete ihr bei zahlreichen Reisen nach Japan und vor allem im Rahmen der Städtepartnerschaft den Zugang zu Menschen und Institutionen.
Zum Studium für das Lehramt an Gymnasien in den Fächern Französisch und Geschichte ging die aus Japan Zurückgekehrte nach München. Im Vorbereitungsdienst lernte sie ihren Mann kennen. Das Lehrerehepaar bekam Planstellen an Schulen in Niederbayern und wählte 1980 als Familienwohnsitz Passau. Was für ein Glück für die Dreiflüssestadt, die Sibylle Rauscher so sehr liebte und in der sie sich bis zu ihrem Tod wohlfühlte!
Als Rauscher am Rande einer Veranstaltung des damals noch existenten Passauer Goethe-Instituts von einigen Japan-Begeisterten gefragt wurde, ob sie sich an der Gründung eines „Deutsch-Japanischen Freundeskreises“ beteiligen und darin engagieren würde, sagte sie spontan zu. 1983 ging daraus die Deutsch-Japanische Gesellschaft hervor. Sie wurde zunächst deren 3. Vorsitzende und war vor allem für die Belange von Kunst und Kultur zuständig. Von 2003 bis 2018 wirkte sie dann als 1. Vorsitzende.
Das ganze Vermittlungstalent der gelernten Lehrerin floss in ihre Tätigkeit ein und mit Entschiedenheit wusste sie bei den städtischen Einrichtungen die Interessen der DJG durchzusetzen. Insbesondere Ausstellungen, die sie nicht selten mit Exponaten aus ihrem eigenen Besitz bestückte, wurden zu ihrem Markenzeichen und errangen viel Aufmerksamkeit und Zuspruch über die Grenzen Passaus hinaus. Allein in den Jahren, in denen sie den 1. Vorsitz hatte, fanden 11 selbst konzipierte Ausstellungen statt: zur Materialgestaltung, zum Ginkgo, zu Stoffblumen, dem Neujahrsfest, Lackkunst, Gärten und Landschaften im Wandel der Jahreszeiten u.a.m. 2008 eröffnete im Kulturmodell nach zweijähriger Vorbereitung die Ausstellung „Faszination Japan Inspiration“, die im Anschluss nach Würzburg, Bielefeld und Bad Säckingen wanderte. Acht Ausstellungen warb sie von anderen Einrichtungen für Passau ein, meist vom Japanischen Kulturinstitut Köln. Sie organisierte darüber hinaus 18 Fahrten zu Museen in anderen Städten, vor allem Wien, München und Würzburg. Von ihr initiierte Konzerte, kunsthandwerkliche Kurse und wissenschaftliche Vorträge brachten den Mitgliedern der Gesellschaft und der Passauer Bevölkerung die reiche japanische Kultur näher. Dabei trat sie auch selbst als Vortragende auf und sprach über den japanischen Farbholzschnitt, Tuschmalerei, Lyrik, eine Reise durch das vom Tsunami gezeichnete Land u.a.m. Einen Höhepunkt bildete das Jahr 2011, in dem anlässlich des Jubiläums „150 Jahre Freundschaft Deutschland-Japan“ die DJG Passau ganze 23 Veranstaltungen auf die Beine stellte. Tatkräftig wurde sie dabei unterstützt von den in Passau lebenden Japanerinnen und einem festen Stamm hochengagierter deutscher Mitglieder.
Nachdem 1984 die Städtepartnerschaft Passau-Akita etabliert worden war, reiste Sibylle Rauscher nicht nur im Rahmen der regelmäßigen Delegationsreisen dorthin. Sie begleitete z.B. 1989 den Oberbürgermeister Hösl und Passauer Stadträte zur Feier des hundertjährigen Jubiläums der Akitaner Stadtverfassung. 2004 und 2012 fuhr sie auch allein zu offiziellen Besuchen in die Partnerstadt – so entwickelte sich ein vertrauensvolles Verhältnis, das wiederum zu Konzerten Akitanischer Musiker und Musikerinnen in Passau und regen Austauschaktivitäten führte. Es wuchsen menschliche Beziehungen, die von wechselseitigem Respekt und Herzlichkeit geprägt waren und sind. Dementsprechend ließ es sich die Japanisch-Deutsche Gesellschaft Akita nicht nehmen, ein Mitglied zu schicken, als Sibylle Rauscher 2016 vom japanischen Generalkonsul den „Orden der aufgehenden Sonne, goldene und silberne Strahlen“ für ihren Einsatz für die deutsch-japanische Freundschaft erhielt – eine ehrenvolle und wohlverdiente Auszeichnung und diejenige unter anderen Ehrungen, auf die sie besonders stolz war. Bei Feiern trug sie gelegentlich den prächtigen Orden.
Auch nachdem Sibylle Rauscher den Vorsitz an Norbert Palsa abgegeben hatte, blieb sie – nun Ehrenvorsitzende – der Gesellschaft verbunden. 2022 kuratierte sie die viel beachtete Ausstellung „Fuji – Heiliger Ort und Quelle künstlerischer Inspiration“. Sie beobachtete aber auch mit Anteilnahme eine Verjüngung der Gesellschaft und neue Aktivitäten, die harmonisch neben die alten Traditionen treten, die weiter gepflegt werden. Als sie am 19. Mai 2026 anlässlich des Besuchs einer Gruppe aus Akita an einem Essen mit alten japanischen Freunden im Passauer Ratskeller teilnahm, war sie bereits von Krankheit gezeichnet, dennoch ahnte wohl niemand, dass es ein Abschied für immer sein sollte. Am 25. Juli 2026 endete ein reich erfülltes Leben.
Der Gedichtform des Haiku galt von jeher Sibylle Rauschers besondere Vorliebe, zur großen Freude der Mitglieder pflegte sie den Rundschreiben regelmäßig einige dieser Miniaturen beizufügen. 2011 erschien als Band VIII der „Passauer Poesie“ in der Edition Töpfl ein Bändchen mit Haiku von Dichtern aus Akita, übersetzt von ihr selbst, sowie Haiku von deutschsprachigen Personen, übersetzt von Yoriko Czerny-Kawai. Ein eigenes Haiku war ihr so wichtig, dass sie es noch bis an ihr Lebensende auswendig aufsagen konnte:
In der Nacht fiel Schnee,
und der Garten ist so still –
da: der Katze Spur
Vielleicht darf man sich den Ort, an dem sie nun weilt und an dem alles Leiden ein Ende hat, wie einen stillen Garten vorstellen. Spuren zu hinterlassen, aber Spuren, die bleiben: Das ist Sibylle Rauschers Lebenswerk.
Dr. Karla Müller























